warenhaus der nachkriegszeit

gebäudetechnik und warenhäuser der boomjahre: gigantomanie durch rationalisierung

Fassadenschnitt: Samuel Erlacher, Dennis Uzon


Kaufhof Siegburg, 1974
Architekt: Eugen Schattevoy


Nach dem Zweiten Weltkrieg war nicht mehr die Kathedrale, sondern eine neuartige Bautypologie ein Anziehungspunkt für Menschen von nah und fern: Warenhäuser stellten das innerstädtische Gefüge auf den Kopf und definierten zeitgleich die Gebäudetechnik um. Sie galten als Botschafter einer aufstrebende Moderne als auch eines Wirtschaftsaufschwunges nie davor und danach gewesenen Ausmaßes in der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung.
Gerade das 1974 in der Siegburger Innenstadt fertiggestellte Warenhaus von Galeria ist ein bis heute bestehender Zeitzeuge, der nicht nur ein Symbolbild des Wirtschaftsaufschwunges, sondern auch der Folgen der Ölpreiskrise von 1973 zugleich ist. Die vier großen Warenhausketten verstanden ihre Warenhausimmobilien nicht nur als Aushängeschild, sondern auch als Notwendigkeit der Profitmaximierung.

Foto: unbekannt; in: https://flic.kr/p/T8uocN.

Während noch zur „Stunde Null“ Hunger und Elend die deutsche Klassengesellschaft zur größtmöglichen Sparsamkeit disziplinierten, so gehörte der Sparsamkeits-Anspruch spätestens dann längst der Vergangenheit an, als Anfang der 1970er-Jahre Lüftomatic, BASF und Co. die Fachzeitschriften ihrer Zeit mit Werbeanzeigen überfluteten – als seien gerade regenerative Energieträger im ewigen Überfluss: „Heizen Sie unabhängig. – Unabhängig von Krisen, Preisdiktaten und störungsanfällige Leitungssystemen. Entscheiden Sie sich für Heizöl!“ [1]

Scan: Gütegemeinschaft Standortgefertigte Tanks e.V.; in: Deutsche Bauzeitung, Hrsg. 1972 November. 1141.

Gerade das für damalige Verhältnisse sehr günstige Heizöl konnte den Absatzinteressen der Warenhaus-Ketten Rechnung tragen und somit die Warenhaus-Typologie der 1920er-Jahre negieren: Wo früher noch große Lichthöfe viel Verkaufsfläche wegnahmen, so reduzierten rein funktionale Rolltreppen stetig die Erschließungsflächen. Außerdem führten in sich standardisierte Stützraster auch zur Konzentration von Technikräumen abseits der Verkaufsetagen. Diese reine Funktionalisierung der kapitalistischen Warenhausarchitektur erlaubte damit die vollkommende Ausschöpfung frei gewordener Verkaufsflächen für die größtmögliche Produktvielfalt – eigentlich war dadurch die Gebäudetechnik eine architektonische Bedingung für die sogenannte „Überflussgesellschaft“ der Nachkriegszeit.

Matrix: Samuel Erlacher, Dennis Uzon

Foto: unbekannt; in: Althaus, Heinrich. Stadtkernsanierung in Siegburg 1961-1991. Rheinlandia Verlag, 1994.

„Ende der Überflußgesellschaft“ [2]
Als im Oktober 1973 die OAPEC-Staaten ein Ölembargo gegen westliche Industriestaaten verhängten, stockten diese ihren Atem: Die Förderung von Erdöl wurde erheblich reduziert, wodurch sich der Ölpreis innerhalb weniger Monate vervierfachte. Der Nachkriegsaufschwung kam zum Ende, die „Überflussgesellschaft“ war damit Geschichte. Dieser Bruch läutete nicht nur ein Paradigmenwechsel in der Planung von neuen Warenhäusern ein: Der Nachkriegsfunktionalismus wurde in Frage gestellt, die Wärmeschutzverordnung (WSVO) verpflichtete erstmals Gebäudeeigentümer zu Energieeinsparung – und eine deutliche Systematisierung in der Heiz- und Klimatechnik setzte sich durch.

Immer mehr Bauträger entschieden sich gegen Heizöl und wandten sich anderen Wegen in der Haustechnik zu. Wurden noch vor 1973 Wärmerückgewinnungssysteme oftmals als eine belächelte Utopie belächelt, so wurden sie später zu wesentlichen Bestandteilen in der Planung von größeren Gebäuden. [3]

Systemschnitt: Samuel Erlacher, Dennis Uzon

Auch wenn Öl vielerorts durch Gas ersetzt worden war, so erkannten erstmals vermehrt Architekten an, dass sich jüngst errichtete Warenhäuser in Form und Inhalt längst widersprachen: Die Rückbesinnung auf eine andere Konsumkultur wurde propagiert, Innenhöfe fanden wieder Einzug bei neuen Warenhausbauten, die Nachkriegsmoderne wurde durch die Postmoderne revidiert. Die Architektur erlebte einen Rückfall; die bis heute bestehende organische Krise des Kapitalismus drückte sich auch hier architektonisch aus.

Zur Jahrtausendwende wurden vermehrt Warenhäuser der 1960/70er-Jahre erstmals generalsaniert. So auch in Siegburg, wo die ursprüngliche Gebäudetechnik weitestgehend verschwand.

Was aber allgemein bleibt sind überdimensionierte Deckenhöhen, zentrale ausgelegte Technikräume als auch große Lüftungsschächte, die eine ungewollte Resilienz der Gebäudetechnik widerspiegeln. Damit wurde der Umgang von heutigen Warenhaus-Leerständen nicht nur eine Abwägung für die „Graue Energie“, sondern auch eine zwischen Zentralität und Dezentralität, Ausbaubarkeit und Rückbarkeit sowie dem allgemeinen Umgang mit einem längsten überholten Gebäudetypus der Nachkriegszeit. Das verallgemeinert die Notwendigkeit einer gewissen Systematik, mit der sich die zeitgenössische Architektur heute beschäftigen muss.

Tragwerkselement: Samuel Erlacher, Dennis Uzon

Anmerkungen
[1] Gütegemeinschaft Standortgefertigte Tanks e.V. 1972.
„Information über Heizöl.“ in: Deutsche Bauzeitung: Zeitschrift für Architekten und Bauingenieure 1972, Nr. 11 (November): 1141.
[2] DER SPIEGEL, Hrsg. Folge der Ölkrise: Ende der Überflußgesellschaft 47., 1973: 1.
[3] Vgl. Deutsche Bauzeitung, Hrsg. Zeitschrift für Architekten und Bauingenieure 9 (September)., 1975; Jahresband.

seminar bestand als bedingung: typologische untersuchung von warenhausbauten

technische universität münchen, professorship of architecture and construction

zeichnungen: samuel erlacher, dennis uzon

betreuung: tobias fink